Krieg und Alltag

Ich befinde mich irgendwo zwischen Jerewal der Hauptstadt von Armenien und Erbil der Hauptstadt von Kurdistan. Ich habe mir eine Playlist auf Spotify zusammen gestellt und sie „Orchester“ genannt. Wenn ich klassische Musik auf den Ohren habe, kann ich gut abschalten. Ich höre Hans Zimmer mit seiner gigantischen Version von Still als ich aus dem Flugzeug schaue und einen faszinierenden Ort sehe. 39000 Fuß sind es jetzt und unter mir befindet sich der Urmia-See. Während ich mir die Berge anschaue und  auf der Karte nach dem Ort suche, über den ich mich gerade befinde, fällt mir eine Stadt auf, die 2008 noch knapp 1,7 Millionen Einwohner in den Stadtgrenzen und 2010 rund 2,5 Millionen Einwohner mit Vororten hatte. Sie war damit nach Damaskus die zweitgrößte Stadt Syriens, eine der ältesten Städte in der Region und nimmt einen strategischen Punkt zwischen dem Mittelmeer und dem Euphrat ein.

Ich befinde mich in der Nähe von Aleppo.

Mein Herz wird schwer, während ich hier oben im Flugzeug sitze, in Sicherheit bin, es mir gut geht und auf den Weg nach Thailand bin, um eine schöne Zeit zu verbringen, wird diese Stadt von Truppen der syrischen Regierung kontrolliert. Im Zuge des Bürgerkrieges in Syrien war die Stadt Aleppo seit Sommer 2012 bis Dezember 2016 umkämpft. Weite Teile der Stadt sind zerstört und ein großer Teil der Bewohner ist geflüchtet.

Ich habe mich viel mit dem Krieg in Syrien beschäftigt und auch die Reportage „Syrien – ein schwarzes Loch“ von Hubertus Koch gesehen. Kann ich euch absolut empfehlen, um zu verstehen, was wirklich in Syrien abgeht. Wenn ihr die Reportage noch nicht kennt, könnt ihr sie nochmal auf YouTube ansehen.

Seit Mitte 2016 bin ich in der Facebook Gruppe von Mohammad Alaa Aljaleel. Vielleicht ist er dir schon als der „Katzenmann von Aleppo“ bekannt. Als die Leute aus Aleppo flüchteten, begann Mohammad damit, jeden Tag ein bisschen Fleisch für die zurückgebliebenen Katzen zu kaufen und fuhr mit seinem Auto durch die Stadt, um sie zu füttern. Immer mit der Gefahr, dass er selbst von einer Bombe getroffen wird. Daraus entstand ein Tierheim und täglich kamen die Kinder aus Aleppo um ihn und die Katzen zu besuchen. Mohammad kümmerte sich um die Menschen, retette sie aus den Trümmern und gab ihnen ein bisschen Liebe inmitten eines seit fünf Jahren tobenden Krieges.

Doch im November 2016 – wurde auch dieses kleine Fleckchen „Heile Welt“ zerstört. Eine Bombe traf das Tierheim und riss viele Tiere mit in den Tod. Auch der Hund Namens „Hope“ war unter den Opfern. Er galt als Symbolträger der Hoffnung, da er zu allen Lebewesen immer freundlich war.

Inzwischen ist in Ernesto ein neues Katzenhaus aufgebaut worden. Es gibt ein Spendenkonto und man kann Mohammad unterstützen. Die Organisation „Frieden für Pfoten“ mit Sitz in Berlin unterstützt das „Haus der Katzen Ernesto“ ebenfalls.

Viele wünschen sich Mohammad als Kandidat für den Friedensnobelpreis 2017. Das ist auch mein Wunsch. Denn er setzt sein eigenes Leben aufs Spiel, um Menschen und Tieren – da macht er keinen Unterschied – zu helfen.

Während ich die Wolken über den Bergen betrachtete, in der Hoffnung, dass es einfach nur normale Wolken sind und keine Staubwolken einer Bombe, dachte ich an ihn. Ich dachte an sein Video als er verzweifelt war und nicht sicher ob er diese Nacht überleben würde. Damals saß ich weinend vor meinem Laptop und obwohl ich ihm so nah war, fühlte es sich nicht so an.

Aleppo schien immer so weit weg. Aleppo ist gerade mehr als nah. Aleppo ist jetzt unter mir.

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