Als ich Lena fand und 6 Stunden später wieder verlor.

Auf unseren Reisen begegnen wir immer wieder neuen Menschen. Manchmal wird daraus eine Freundschaft fürs Leben, manchmal ein paar schöne gemeinsame Tage. Oft auch nur eine kurzweilige Begegnung…

6 Stunden und 30 Minuten Flugzeit lagen vor uns. Die Maschine von Düsseldorf nach Abu Dhabi war noch nicht komplett belegt und unsere Sitzreihe blieb lange leer. Wenn ich ehrlich bin, hatte ich mich schon ein kleines bisschen gefreut. Der Dreamliner von Etihad ist zwar groß genug aber eine leere Sitzreihe auf einem Langstreckenflug, ist schon ziemlich cool. „Meinst Du die desinfizieren hier die Controller!?“ fragte ich Martin, der nur lachend mit den Schultern zuckte. Tatsächlich habe ich einen kleinen Tick und grundsätzlich das Bedürfnis mir die Hände zu waschen, wenn ich in öffentlichen Verkehrsmitteln sitze. Ein zartes „Hallo“ holte mich aus meinem Gedanken, irgendwelche Spuren vom vorherigen Fluggast zu finden.

Ein junges Mädchen nahm neben uns Platz. Sie hatte lockiges braunes Haar und trug fast die gleiche Brillenfassung wie ich. Wir staunten über unsere „Sleep Tight“ Tasche, die wir von Etihad bekamen und lachten über die kleine Tube Zahnpasta. Die Kopfhörer schienen defekt und wir bekamen schnell ein neues Paar. Jeder von uns suchte sich einen Film aus und linste neugierig zum anderen. Leider weiß ich bis heute nicht, wie sie heißt, deswegen nenne ich sie einfach Lena, damit ihr der Geschichte folgen könnt.

Als mein Film zu Ende war, holte ich mein Reisetagebuch aus der Tasche, was Lena witzigerweise auch tat. Die Flugbegleiterin kam und tippte Lena auf die Schulter „Chicken or Lamb!?“ Mit fragenden Blicken schauten Lena und Martin mich an. „Ob ihr Huhn oder Lamm haben möchtet!?“ lachte ich und wie einstudiert sagten wir im Chor „We´re Vegetarians!“ Schmunzelt überreichte uns die Flugbegleiterin eine Aluminiumpackung gefüllt mit Tortellinis in Tomatensoße, Brötchen, Margarine und Bulgursalat. Lena bestellte sich eine Portion Reis mit Hühnchen.

Lena erzählte, dass sie ganz alleine reist und sich dann in Bangkok einer Reisegruppe anschließen würde, von denen sie allerdings niemanden kennt und auch zu niemandem Kontakt hatte. Ihre große Sorge war, dass sie dort keinen Anschluss finden würde, weil keiner aus der Reisegruppe ihre Sprache spricht. Ich konnte sie verstehen. Ich war nie mutig genug um alleine die Welt zu entdecken und bewunderte sie dafür.

Als wir in Abu Dhabi gelandet sind waren es um die 40 Grad Celsius und es war Stockdunkel. In Deutschland hatten wir zu dieser Zeit 17 Uhr und ich habe mich gefragt, ob ich so früh überhaupt schlafen könnte, um nicht ganz so schlimm vom Jetlag betroffen zu sein. Als wir durch den Flughafen von Abu Dhabi liefen, schmunzelten wir ein bisschen über die ganzen schlafenden Menschen auf den Bänken. Lena und ich steuerten als erstes die Flughafen Toilette an und während ich noch in der Schlange stand, sprach mich plötzlich eine Frau an. Sie trug einen schwarzen Kaftan mit goldenen Applikationen. „Entschuldige, bist Du Amerikanerin!?“ Ich verneinte und sah sie mit großen Augen an. „Ich komme aus Deutschland“ Sie lachte. „Machst Du hier Urlaub oder wartest Du nur auf deinen Anschlussflug!?“ „Ich warte nur auf meinen Flug und werde dann nach Thailand reisen.“ Zwischenzeitlich wurde ihre Toilette frei. „Mach es gut!“ strahlte sie und verschwand hinter der Kabine.

Ich war ein wenig verwundert, weil ich es aus Deutschland nicht gewohnt bin, dass fremde Menschen sich einfach so mit mir unterhalten. Es ist schon ein Wunder, wenn der Nachbar auf der anderen Straßenseite mein „Guten Morgen“ erwidert. Lena erklärte mir, dass es ganz normal in anderen Ländern sei und die Frau einfach nur ein bisschen Smalltalk in der Toilettenschlange halten wollte, um die Zeit sinnvoll zu nutzen.

„Wo bleibt ihr denn!?“ fragte Martin und es ging direkt durch zum Check In. Zu Dritt liefen wir zum Gate. Lena checkte nach uns ein. Zumindest versuchte sie es. „Meine Bordkarte funktioniert nicht.“ Ich blieb stehen und wartete auf Lena, obwohl ich nur noch wenig Zeit hatte, selbst rechtzeitig ins Flugzeug zu kommen. Alles ging so schnell. Lena lief wieder Richtung Terminal und ich hörte sie nur noch rufen „Ich habe den nächsten Flug und muss jetzt drei Stunden hier warten und zu einem anderen Gate. Tschüüüß!“ und da rauschte sie auch schon davon.

So schnell wie wir uns kennengelernt hatten, so schnell verschwand sie nun auch wieder. Vergeblich habe ich nach aktuellen Bildern auf Instagram gesucht, um sie dort vielleicht zu entdecken. Ich würde so gerne wissen wie es ihr geht, wo sie jetzt ist und ob sie Anschluss in der Reisegruppe gefunden hat…

 

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3 thoughts on “Als ich Lena fand und 6 Stunden später wieder verlor.

  1. Was für eine tolle Geschichte. 🙂 So ging es mir früher oft, wenn wir durch die Schule irgendwelche Ausstellungen oder Ausflüge allgemein irgendwohin hatten. Manchmal wenn man dann in Gruppen sich mit anderen fremden Klassen zusammenschließen musste, dann hatte man gute Unterhaltungen geführt und hoffte, dass man irgendwie die Nummer bekommt um einfach in Kontakt zu bleiben. Irgendwie hat bisher aber nie ein Kontakt gehalten oder es war so wie es dir erging. Aber die Zeit vergisst man niemals. 🙂
    Liebe Grüße
    Saso

    1. Liebe Soso,

      ja ich weiß genau was Du meinst und wenn man daran denkt, wird man immer so nostalgisch. Es ist schade aber die daran Erinnerungen, kann uns niemand nehmen. 🙂

      Liebe Grüße

      Gianna

  2. […] Geschichte – Als ich Lena fand und 6 Stunden später wieder verlor. […]

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